Die Augenblickesammlerin

Augenblicke

 

Sammeln ist etwas schönes. Aber bei aller Liebe, es sorgt in der ganzen Wohnlandschaft auch für Unordnung. Weil alles was gesammelt wird einen Platz braucht. Und abgestaubt werden muss. Und im Weg herum steht. Und manchmal sogar verhindert andere Dinge leicht zu finden. Weil sie in den Hintergrund verdrängt werden. Kennt ihr das auch?

Immer wenn ich in Urlaub fahre staune ich (über mich selbst), dass alles was ich wirklich brauche in einem einzigen Koffer Platz hat. Und selbst da ist es manchmal schwierig alles im Blick zu behalten. Ich habe mir ernsthaft schon überlegt, ob ich eine kleine Skizze mache, was ich wo in meinem Koffer verstaut habe. In meinem Koffer sind zwar kleine Taschen und Ordnungshüter die mir dabei helfen sollen den Überblick zu behalten. Doch was war nochmal in welchem Beutel drin?

 

Alles was ich brauche passt in einen Koffer

 

Bei aller Bewunderung für den Minimalismus. Ich bin noch meilenweit davon entfernt. Das merke ich, wenn ich dann und wann ausmisten will und mich mal wieder nicht von Dingen trennen kann, denen eine Erinnerung anhaftet, die ich nicht verlieren möchte. Denn sobald ich den Gegenstand sehe und in der Hand halte fällt mir der Zusammenhang dazu ein, den ich sonst womöglich vergessen hätte. Und das sind einfach wunderschöne Momente.

 

Doch nicht nur sperrige oder an sich überflüssige Gegenstände rufen schöne Erinnerungen in uns wach. Manchmal sind es auch ganze Ketten von Gedanken die an die Oberfläche kommen, hervorgerufen durch ein Wort, eine Stimme, eine Gegend, durch Musik. Und vieles mehr.

 

So ist mir heute früh im Bad beim Anhören der CD „Wo ist Gott – Gespräche mit der nächsten Generation“ von Heiner Geißler eine Situation der vergangenen Woche eingefallen. Ich bin auf der Landstraße von Karlsruhe nach Hause gefahren und wegen der Strecke, der Umgebung und auch der Tageszeit als ich dort unterwegs war, wurde ich daran erinnert, wie ich an einem Abend im März diesen Jahres genau den gleichen Weg nach Heilbronn gefahren bin, um mich dort im Deutschhof zu treffen und einem Vortrag von Heiner Geißler zuzuhören. Als ich vor etwa 2 Wochen von seinem Tod erfahren habe, hat mich das sehr betroffen und traurig gemacht. Wieder ist ein großartiger Mensch von der Bildfläche verschwunden. Jemand der tiefe Spuren in dieser Welt hinterläßt. Mein erster Gedanke war – ein erfülltes Leben ging zu Ende. Dieser Gedanke war einfach spontan da. Und dann – ich bin froh darüber, dass ich ihn vor ein paar Monaten noch echt hören und erleben durfte.

 

 

Anfang März saß ich also im Auditorium und hörte den Worten von Heiner Geißler zu, der anläßlich des Luther Reformationsjahres zu seinem Buch Was müßte Luther heute sagen referierte. Ich mochte die Art wie er erzählte. Und obwohl er den gleichen Vortrag bestimmt unzählige Male gehalten hatte war er ganz authentisch. Clever und gewitzt ging er auf die Fragen des Moderators und aus dem Publikum ein. Der schönste Augenblick an diesem Abend war für mich, als er am Ende seines Vortrags das Podium verlassen hatte. Obwohl ich ihm noch stundenlang zuhören gekonnt hätte. Ich saß ganz am Rand der Stuhlreihen in Richtung Ausgang. Als er an meinem Platz vorbei kam, da haben sich für einen Moment unsere Blicke getroffen und ich war überrascht von der milden Wärme und zugleich sprudelnden Lebendigkeit in den Augen dieses alten Mannes. Das hat mich sehr berührt. Daran denke ich gerne zurück.

 

Heiner Geißler im März ’17 im Deutschhof in Heilbronn

 

Noch ein Augenblick. Im Sommer war ich in Paris. Vom Bois des Boulogne sind wir mit dem Bus zurück ins Zentrum von Paris gefahren. Ich schaute aus dem Fenster und beneidete die Fahrer auf ihren Rollern nicht, die unter ihren Sturzhelmen schwitzend an der Ampel standen und darauf warteten das es weiter geht. Es hatte über 30 Grad an diesem Tag im Juni in Paris. Ein Rollerfahrer sah uns aus dem Fenster des Busses schauen und unsere Augen trafen sich. Er lachte uns fröhlich an und es war wieder ein schöner Augen-blick – im wahrsten Sinne des Wortes. So sammeln wir im Laufe der Zeit unsere kostbaren Augenblicke. Bestimmt kennt auch ihr diese Momente, die überraschend da sind und unser Leben reicher machen. Ganz ohne Ballast. Denn sie sind in unserer Erinnerung und in unseren Herzen aufbewahrt und jederzeit wieder präsent – wenn wir uns durch eine kleine Begebenheit daran zurück erinnern dürfen.
Ohne Platz zu brauchen. Ohne Geld zu kosten. Einfach da.

 

Fête de la musique // Paris 2017

 

Ich wünsche Euch viele schöne Augenblicke, an die ihr Euch gerne zurück erinnert. Und die Euch auch zu Augenblickesammlern machen.

 

Die Augenblickesammlerin
Passage Brady//Paris

 

Alles Liebe, Eure Silke

 

 

 

 

 

 

Beitragsbild auf der Startseite: Programm auf einem Stuhl in der Eglise St. Eustache bei der Fête de la musique in Paris

 

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